Newsletter
an-/abmelden

kurz nach-denken

HomeÜber michGleichnisseBuch-TippsHeil-QuellenWeg-WeiserGlücklich seinGegenargumenteDenk-AnstößeVorträgeDownloadLinksImpressum
 

<<vorige Seite nächste>>

Gleichnis 8:

Ich höre auf der Suche nach innerem Frieden und Heil immer wieder was von “Schatten bearbeiten”, “Ego auflösen”, “Projektionen zurücknehmen” und “Angst / Grenzen überwinden”. Was soll das denn bedeuten, soll ich etwa meine Identität in Frage stellen?

Wir alle hier, die gerade in dieser Welt der Materie in einer Körperhülle stecken, sind Lernende, die sich ihrer wahren Identität mehr oder weniger unbewusst sind (siehe Gleichnis “Schule” und “Ozean”). Um wieder den Weg in die Einheit zurück zu finden, bekommen wir Aufgaben gestellt, durch deren Lösung wir dem Ziel unserer Suche wieder einen Schritt näher kommen, auch wenn wir das oft nicht erkennen, weil wir vergessen haben, was das Ziel ist und wo es liegt. Die Schritte Richtung Ziel sind durch obige Schlagworte korrekt, aber etwas abstrakt beschrieben. Zur Erläuterung wieder ein paar Bilder:

Mit den Lebensaufgaben, die wir zur Vervollkommnung zurück zur Einheit noch zu lernen haben, ist es wie im Märchen des Wettlaufs von Hase und Igel. Immer, wenn wir vor einer uns unangenehmen inneren Entwicklungsaufgabe weglaufen wollen (und es geht immer um das Innere, nie das Äußere), steht die gleiche Aufgabe in neuer Form aber altem Inhalt schon wieder vor uns am Ziel und grinst uns an - so lange, bis wir erschöpft aufgeben und nicht mehr vor ihr davonlaufen. Beliebte Rennstrecken von uns Hasen (sprich Projekte auf der Flucht vor dem Weg nach innen) sind z.B. der Bau eines Hauses, der nächste Schritt auf der Karriereleiter, ein neuer Lebenspartner. Die Leere, die sich durch mangelnden Bezug zu meiner inneren Stimme und zu der des Partners in einer Beziehung einstellt, kann durch einen gemeinsamen Hausbau sicherlich für ein Jahr überspielt werden. Vor lauter Organisieren und Arbeiten kommt man nicht zum Nachdenken. Wenn aber das gemeinsame Ziel erreicht ist, kehrt die Leere um so deutlicher zurück. Nicht zufällig finden viele Scheidungen genau dann statt, wenn theoretisch die Genussphase in der Beziehung kommen könnte, wenn alle Ziele im Außen verwirklicht sind (Partner, Haus, Kinder, Karriere, Auto - um es einmal ganz platt und plastisch zu formulieren). Am Anfang, vor der Verwirklichung dieser Ziele, denken wir noch, dass wir glücklich sein werden, wenn wir sie erreicht haben. Und je unglücklicher wir innerlich sind (was wir uns noch nicht einmal eingestehen wollen oder es uns sogar unbewusst ist), desto mehr peitschen wir uns auf dem Weg zum Ziel (der Rennstrecke), um so schneller laufen wir. Am Ziel müssen wir aber feststellen, dass seine Erreichung nichts zur inneren Zufriedenheit und Ruhe beigetragen hat (Prinzip des Egos: “Suche, aber finde nicht.”). Wenn wir aber immer noch nicht lernen wollen, da dies uns unangenehmer und anstrengender erscheint als ein neues Projekt, machen wir uns wie der Hase auf den Weg zur nächsten Rennstrecke, um vielleicht durch noch schnelleres und längeres Laufen diesmal an ein Ziel zu kommen, wohin uns die lästige Aufgabe nicht mehr folgen kann. Und so kann man uns als ein kollektives Volk von Hasen betrachten, die jeden Tag nach irgendetwas im Außen hetzen, um doch nicht da anzukommen, wonach sie im Inneren in Wirklichkeit suchen. Sie glauben zu wissen, wonach sie suchen - am Ziel stellen sie aber fest, dass die Mühe umsonst und das Ziel nicht das Richtige war. Wenn wir uns wie Hasen verhalten, teilen wir im Übrigen mit den Hasen auch ihre Angst. Bei uns ist es dann Angst vor dem Schicksal, der Krankheit, der Arbeitslosigkeit, dem schlechten Wetter, schlechten Noten der Kinder, der Langeweile, dem Alter, dem Blick nach innen... Ich kenne das Hasenleben aus eigener Erfahrung sehr gut und falle noch heute immer wieder einmal in alte Muster zurück. Wie lange wollen wir noch Hasen bleiben und wann uns aufschwingen als Adler?

Wir dürfen so viele Rennstrecken laufen wie wir möchten und brauchen dabei nicht einmal ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir haben den völlig freien Willen! Aufgrund der geistigen Gesetze werden wir allerdings auch alle Konsequenzen unseres Handelns tragen. Wenn wir sie tatsächlich als solche annehmen und sie nicht als unerwünschte Schicksalsschläge ablehnen, können wir dabei sogar lernen ohne zu leiden - das ist sogar der Sinn unseres Weges. Sobald wir aus dem Hasen-Dasein aussteigen wollen, werden wir richtig verstandene Demut lernen und um Hilfe bitten (sowohl einen Mitmenschen als auch das Universum oder Gott) und werden alle nötige Hilfe erhalten (ein wundervolles Gefühl!) - wenn wir richtig bitten. Richtig bitten heißt, dass wir nicht wie bisher um das bitten, was uns selbst als Weg und Lösung vorschwebt. Das werden wir zu unserem Glück nicht erhalten, denn wir wissen nicht was gut für uns ist (wir haben es bisher ja auch nicht gewusst). Richtig bitten heißt, dass wir schlicht darum bitten, alles zu erhalten was nötig ist, um uns zurück auf den Weg zu Frieden und Liebe zu führen. Dass wir bereit sind, alles(!) ohne Beurteilung anzunehmen, was uns auf diesem Weg hilfreich begegnet, auch wenn es zunächst wie ein Hindernis aussehen mag. Diese Bitte wird uns mit Sicherheit erfüllt und auf dem Weg werden wir erkennen, dass schon immer alles zu unserem Besten war und ist. Solange wir weitab von unserem eigentlichen Weg im Gestrüpp unterwegs waren, bekamen wir besonders deutliche Hinweise zur Umkehr, was ja Sinn macht, uns aber damals besonders unerwünscht war, weil wir darauf beharrten, den Weg selbst zu wissen oder selbst finden zu wollen. Je näher wir dem Fluss des Lebens kommen, um so dezenter werden die Hinweise und um so leichter und offener der Weg. Wir werden irgendwann merken, dass unsere Bitte um die nötigen Mittel zur Heilung schon immer erfüllt wurde, auch bevor wir sie geäußert hatten. Wir sind in permanenter Verbindung mit der Seelenwelt, ob sie uns gerade bewusst ist oder nicht! Davon hängt sie Gott-sei-Dank nicht ab.


Wir verhalten uns wie Adler, die denken sie wären ein Pferd. Sie benutzen ihre Flügel nicht, versuchen aber verzweifelt, mit ihren kurzen Beinchen schnell wie der Wind über die Steppe zu galoppieren. Sie meinen, frustriert feststellen zu müssen, wie beschränkt ihre Möglichkeiten sind und benutzen diese Erkenntnis zur Schlussfolgerung, dass sie doch nicht zu Höherem geboren sind, wie es ihnen ihre innere Sehnsucht eingibt, sondern sie eben klein und begrenzt sind und sich damit zufrieden zu geben hätten. Einige wenige Adler folgen ihrer inneren, leisen Ahnung und treten an den Rand einer Klippe. Die anderen Adler halten sie für völlig übergeschnappt und wollen sie vor den schrecklichen Folgen dieses Sturzes in die Tiefe warnen. Jetzt kommt es darauf an, ob der Adler am Rand der Klippe seiner inneren Ahnung traut oder der Mehrheit der anderen. Nur wenn er springt, wird er erfahren, dass er fliegen kann. Nur wenn er Unsicherheit statt Unglück wählt, wird er seine wahren Fähigkeiten nicht nur erkennen, sondern auch erleben und genießen können. Machen Jungvögel beim Erstflug den Eindruck, als ob sie sich ihrer Sache sicher wären? Aber irgendwann lassen sie sich dennoch fallen und breiten die Flügel aus. Manchmal könnten wir von ihnen lernen. Und was erlebt unser Adler nach dem Sprung von der Klippe noch? Nach den ersten mühsamen Flügelschlägen kommt er allmählich in eine Thermik, die ihn zusätzlich Höhe gewinnen lässt und den Flug immer müheloser macht. Ich habe es selbst erlebt: Wie soll sich die Seelenwelt nicht freuen, wenn sich einer wieder einlässt auf seine eigentliche Welt? Natürlich erfahren wir dann jede erdenkliche Hilfe und nach einem langwierigen und schwierigen Start wird es immer leichter und man fühlt sich weiter vorwärtsgetragen als man selbst Schritte gegangen ist.

Bevor ich 2003 gewagt hatte, mein Leben umzukrempeln (Trennung von der ersten Frau, Umzug von der Stadt auf’s Land, Wechsel vom Angestellten-Dasein zur Selbständigkeit), fühlte ich mich wie jemand, der auf dem 10-Meter-Sprungturm steht und auf ein winzig kleines, schwarz gestrichenes Wasserbecken hinunterblickt. Aufgrund des schwarzen Anstrichs kann man nicht sehen, ob Wasser in dem Becken ist. Aber wenn ich nicht springe, würde ich es nie erfahren. Wenn ich aber erst einmal abgesprungen bin, werde ich erst einen Meter vor dem Aufprall erkennen, ob es eine weiche Landung im Wasser gibt oder ich auf dem Betonboden des leeren Beckens zerschelle. Können Sie sich dieses Gefühl vorstellen? Das - und nicht weniger - ist gemeint mit “Angst und innere Grenzen überwinden”. Und ich bin gesprungen, hatte etliche Zweifel- und Angstphasen während des freien Falls zu überwinden und bin zuletzt butterweich gelandet. Die meisten Menschen in meiner näheren Umgebung hielten mich für verrückt, denn jeder hier steckt voller Angst und innerer Grenzen, die zu überwinden er aufgerufen ist.

Man kann diesen kritischen Punkt der Angst, die uns wieder in das alte Fahrwasser drängt und von der Heilung abhält, auch gut nachvollziehen beim Bild vom Ozean und dem weißen Hai. Wenn unser Leben der Ozean ist und wir die Badegäste, dann halten wir uns am liebsten im warmen, seichten Wasser auf, wenn wir davon überzeugt sind, dass im tiefen Wasser der weiße Hai lauert. Wir haben ihn zwar noch nicht gesehen, aber andere haben uns davor so eindringlich gewarnt und schreckliche Erlebnisse geschildert, dass wir ausreichend Angst haben, ihm zu begegnen und dies um jeden Preis vermeiden wollen. Lieber schlagen wir uns mit den tausend Seeigeln im Flachwasser herum, treten auch mal in einen hinein, aber diese Schmerzen sind auszuhalten und scheinen uns harmlos und beherrschbar im Vergleich zu einer Begegnung mit dem großen Hai, der uns nach unserer Überzeugung verschlingen wird, wenn wir ihm begegneten. Irgendwann kommen wir aber an den Punkt, wo das Leben im Flachwasser unerträglich wird. Die ewige Wiederholung der immer wieder gleichartigen Probleme bzw. das ständige Identifizieren und Umgehen dieser Probleme (Seeigel) beginnt uns so zu nerven, so dass wir andere Wege suchen und die Sehnsucht nach Freiheit und Weite unstillbar wird. Wir werden also ungeachtet unserer Angst ins offene Meer schwimmen. Irgendwann kommt, was kommen muss: Es taucht eine riesige, dreieckige Rückenflosse über den Wellen auf! Jetzt kommt der entscheidende Punkt: Drehe ich voller Panik um, zurück ins Flachwasser, in der Überzeugung, der Katastrophe gerade noch einmal entronnen zu sein und bestärkt in meiner Angst vor dem offenen Ozean, oder will ich wissen, was es mit der dreieckigen Rückenflosse wirklich auf sich hat? Vielleicht ist es ja gar kein Hai sondern ein freundlicher Delphin, der mich sogar weiter mit hinausnimmt und mir die ganze Weite und Freiheit des Ozeans zeigt? Kann ich erkennen, dass dieser Moment eine wunderbare Chance für mich ist, endlich meine Angst ein für allemal zu überwinden? Exakt dieser Moment der scheinbar größten Katastrophe und maximalen Angst? Stellen Sie sich diesen Moment der ersten Begegnung mit der dreieckigen Rückenflosse im offenen Ozean bildlich vor und Sie werden nachvollziehen können, wie wichtig es ist, in diesem Moment einen Begleiter an der Seite zu haben, der bereits weiß, was es mit der Rückenflosse auf sich hat. Der Ihnen helfen kann, in diesem Moment keine verrückten Ausweich- und Fluchtbewegungen zu machen, die Sie weiterhin im Unklaren lassen, ob denn nun Ihre Angst gerechtfertigt ist oder nicht (by the way: sie ist nie begründet sondern beim genauen, liebevollen Hinschauen löst sie sich als Illusion von Bedrohung auf). Der Ihnen hilft, auf Kurs zu bleiben und genau hinzuschauen, sogar noch näher an die angstmachende Rückenflosse  heran zu schwimmen, solange bis Sie klar sehen. Erst wenn wir klar sehen, was genau uns Angst macht, sind wir in der Lage zu entscheiden, ob die Angst davor überhaupt nötig ist oder ob wir sie nicht ablegen können. Solange wir verrückte Ausweichbewegungen machen, also vor der Angst flüchten, werden wir nicht dazu kommen, sie als unnötig ablegen zu kommen. Im Gegenteil, wir kultivieren und vermehren unsere Angst, da wir ja in uns das Gefühl stärken, einer tatsächlich existierenden Bedrohung gerade noch entkommen zu sein.

Die Angst entsteht unter anderem deshalb, weil wir am Beginn des Weges das Böse noch für genauso existent halten wie die Liebe. Es wurde uns beigebracht, unsere “negativen” Erfahrungen so zu interpretieren. Dabei ist  Schatten (“das Böse”) nichts anderes als die Abwesenheit von Licht (“Liebe”). Das Bild vom dunklen Zimmer mag uns dies vor Augen führen: Durch Öffnen der Tür kann man keine Dunkelheit herauslassen, nur Licht hinein. Darum ist die mehr oder weniger unbewusste Hemmung vor den in uns verschlossenen Türen aus Angst, es könnte etwas Schlimmes herauskommen, eigentlich unbegründet. Es geht lediglich darum, alle Türen zu öffnen, damit unser Licht hinein kann! Allerdings muss ich meine Hemmung überwinden, die Türen zu öffnen. Sonst werde ich nie erfahren, dass nichts außer dem Nichts dahinter ist und nur das Licht der Liebe auch diesen Winkel erhellen braucht. Dann kehrt die Erinnerung an unser wahres Selbst allmählich zurück. Das Öffnen der inneren Türen führt zu einer Ausdehnung des inneren Lichts, zu mehr Offenheit und Freiheit sowie einer Reduktion meiner Angst. Ich werde also um so sicherer und liebe-voller, je mehr innere Türen ich öffne. Je mehr Türen ich geöffnet habe, um so weniger verschlossene Türen muss ich ängstlich geschlossen halten und bewachen, auf dass sie nicht aufgehen, damit das vermeintlich Schlimme dahinter nicht frei wird. Um so weniger habe ich das Bedürfnis, mich schützen und verteidigen zu müssen. Um so weniger habe ich das Bedürfnis, andere zu meinem Selbst-schutz angreifen zu müssen, weil sie eine Bedrohung darstellen. Denn ein Haus, in dem Türen verschlossen sind und bewacht werden, weil dahinter das vermeintlich Böse steckt, ist nichts anderes als ein Gefängnis und jeder Besucher potentiell verdächtig, die Gefangenen befreien zu wollen. Wenn alle Türen offen und alle Zimmer erhellt sind, ist es ein gastliches Haus, das alle Vorbeikommenden einlädt, einzutreten. Das Öffnen innerer Türen führt also auch zu Frieden und Gemeinsamkeit mit allen. Wir nähern uns wieder unserem Urzustand, den uns eine unbestimmte innere Unruhe durch alle äußeren Umstände hindurch suchen lässt.


Kehren wir noch einmal zurück an den Anfang des Weges und die Hemmnisse, die uns dort begegnen können. Unser individuelles Weltbild und unser Erleben stellen nur einen winzigen Teil aus der Gesamtmenge der Möglichkeiten und Ebenen dar (man denke nur an die begrenzten Frequenzbereiche unseres Hörens und Sehens, von der zusätzlichen subjektiven Filterung dieser eingeschränkten Wahrnehmung ganz zu schweigen). Jeder lebt also in seiner eigenen Welt, die sich von der Wahrnehmung seines Nächsten diametral unterscheiden kann (einfaches Beispiel: Befrage getrennt fünf Leute nach einem Meeting, was genau besprochen wurde und wer welche Idee hatte). Diese Grenzen engen wir zusätzlich dadurch ein, dass wir durch Schlussfolgerungen aus eigenem Erleben oder durch das, was wir anderen glauben (Eltern, Medien, Institutionen), im übertragenen Sinn Warnaufkleber an viele Dinge anbringen. Im Bestreben, Schmerz zu vermeiden, bauen wir uns im Lauf des Lebens eine geistige Festung, die uns vor Schaden und weiteren schmerzlichen Erfahrungen bewahren soll. Die Warnschilder außerhalb der Festung lauten z.B. “gefährlich”, “bringt nichts”, “Unsinn”, “glaube ich nicht”, “zu aufwändig”, “kenne ich nicht” oder “schon erfolglos probiert”, “überzeugt mich nicht”, “sollen erst mal andere probieren”, “habe ich noch nie gehört”. Das Nach-denkens-werte daran ist allerdings, dass andere Menschen ausgerechnet da ihren geistigen Claim abgesteckt haben, wo unsere Warnaufkleber pappen. Dafür meinen diese Menschen, sich vor dem schützen zu müssen, was für uns völlig normal ist. Als kleines Beispiel reicht das Essen: Die Menschen in anderen Teilen der Welt, die mit Vergnügen Raupen verspeisen, mögen sich vor unserem Schweinefleisch ekeln. Aber das lässt sich natürlich viel weiter spinnen, und so ist es hier auch gemeint. Wenn wir uns weiter-ent-wickeln  wollen und unseren geistigen Horizont er-weit-ern möchten, müssen wir die Angst (angustus = eng) überwinden, die uns dazu rät, die Tore zu unserer Festung geschlossen zu halten und nichts zu riskieren. Nur wenn wir hinaustreten und etwas ausprobieren, was wir für unsinnig etc. halten (siehe oben), werden wir erleben, dass wir nicht gleich tot umfallen und das, was wir als gefährlich oder schädlich eingestuft hatten, sich vielleicht sogar als befreiende Erfahrung erweist, weil wieder ein Stück Angst, ein Stück Grenze von uns abgefallen ist.

Hervorragende Lehrer in diesem Zusammenhang sind unsere Lebenspartner (siehe hierzu das Buch von Eva-Maria Zurhorst). Wir haben (natürlich nicht zufällig sondern es ist uns zugefallen) immer den Partner, den wir brauchen, um auf unsere Grenzen aufmerksam gemacht zu werden. Der Sauberkeitsfanatiker hat den Schlampigen als Partner, der Anhängliche den Freiheitsliebenden usw.  Und beide leiden dadurch, dass sie meinen, der Partner müsse sich in ihrem Sinne ändern. Die eigentliche Lernaufgabe für den Sauberkeitsfanatiker ist aber, etwas lockerer zu werden, der Schlampige soll vielleicht etwas mehr (innere) Ordnung kennen lernen, der Anhängliche erkennen, dass ihn seine abhängige Komponente unfrei macht und obendrein den Partner einengt, der Freiheitsliebende kann vielleicht seine Angst vor verbindlicher Nähe überwinden. So wird jeder be-reich-ert um einen fehlenden Aspekt, um zuletzt wieder in der Mitte und damit Einheit zu landen. Wir haben aber die Tendenz, die Dinge außerhalb unserer geistigen Festung als uns feindlich gesinnt zu betrachten, mindestens ärgern sie uns. Darum sagt Jesus: “Liebet eure Feinde!” Das bedeutet letztendlich, zu meinem eigenen Wohl das, was ich als feindlich und ärgerlich einstufe (meine Schattenanteile), durch genaues Ansehen (Beleuchten des Schattens), Weglegen der Angst und Verlassen der scheinbar schützenden Festung als hilfreich und harmlos zu erkennen.

Denn was mich im Außen ärgert, ist nur eine Spiegelung meiner inneren Einstellung. Wenn ich sehe, wie jemand auf der Straße ein Fahrrad umschmeißt, ärgert mich es nur dann so richtig, wenn es mein eigenes Rad ist! Wenn mir das Gesicht morgens im Badspiegel nicht gefällt, schlage ich dann in den Spiegel (“Du bist schuld an meinem Ärger!”), tausche ich den Spiegel aus (“Es reicht, ich suche mir einen anderen Partner/Chef/Job/Wohnung!”) oder ändere ich mein Denken (= Ursache), damit ich wieder lächeln kann?

Allerdings ist die Änderung des Denkens gar nicht so ganz einfach und ohne Helfer kaum zu schaffen. Denn am Steuer meines geistigen Schiffes sitzt das Ego, das ich ans Ruder gelassen habe, weil es mir Schutz vor allen Gefahren und Vorteile gegenüber anderen versprochen hatte. Solange ich das Ego mit meinem Lebensschiff fahren lasse, wohin es will, scheint alles ok zu sein. Es gibt zwar immer wieder kräftige Erschütterungen, wenn das Schiff ein Riff schrammt, auch sind häufig Gefechte mit anderen Schiffen zu bestehen. Also besonders beschaulich ist die Reise nicht! Der Lotse “Ego” versichert mir aber, das sei in diesen Gewässern völlig normal und nur er könne mein Schiff hier heil hindurch steuern, keiner könne es besser. Sobald ich den Glauben an diesen Lotsen verliere, weil mir die vielen Kollisionen und Gefechte mit der Zeit zu viel werden, und ich daraufhin versuche, selbst wieder Kontrolle über mein Lebensschiff zu übernehmen, lerne ich das wahre Gesicht des Egos kennen. Es möchte mir die Kontrolle nicht zurückgeben, macht mir Angst vor dem Kurs, den ich einschlagen möchte und sobald ich auch nur ein wenig in Nebelbänke komme und unsicher werde, lacht es mich aus und sagt, es hätte mich gewarnt, aber ich hätte ja nicht hören wollen. Jetzt könne ich selbst entscheiden, ob ich im Ungewissen untergehen oder mich wieder seiner Führung anvertrauen wolle. Wenn es schief ginge, sei es meine Schuld (das Ego sagt bewusst nicht “Verantwortung”). Das ist ein kritischer Punkt auf dem Weg zum bewussten Leben. Jetzt brauche ich einen Leuchtturm, der mir im Nebel den Weg weist, so dass ich weiter meinen eigenen Kurs auf der Suche nach sonnigen, ruhigen Gewässern beibehalte und mich nicht wieder zurück in die Gewalt des Egos begebe. Denn die Maxime des Egos lautet: “Suche, aber finde nicht!” Sobald ich am Ziel bin, brauche ich keinen Lotsen mehr, das Ego hätte ausgedient. Und genau dies will das Ego um jeden Preis vermeiden. Die Leuchttürme (sprich: Heil-Quellen) geben mir in dieser kritischen Zeit die nötige Sicherheit und Ruhe, denn sie weisen mir mitten im Nebel den Weg und so muss ich nicht auf den alten Lotsen “Ego” zurückgreifen, der mich nur in die altbekannten, unruhigen Gewässer zurücksteuern würde. Und wenn ich auf Höhe des ersten Leuchtturms angelangt bin, suche ich mir den nächsten Leuchtturm und so fort, bis ich die Nebelbank durchquert habe und das Licht dahinter sehe (das immer da war, nur verschleiert hinter dem Nebel des Vergessens). So geschieht Heilung - die Rückkehr dessen, was immer wa(h)r.


zurück zur Fragenliste